Tipps

Januar 2013


Nach einer langen und nicht gerade schöpferischen Pause hier ein paar Tipps zum Jahresbeginn. Wahrheitlich ist mir in den vergangenen Monaten nicht viel Erbauliches untergekommen und wer nix zu erzählen hat, sollte auch nix erzählen.

Ein Buch, ein Theaterstück und einen Film möchte ich jedoch im Folgenden empfehlen und zwar mit aller Vehemenz! Zunächst aber:

 

1 Lied

Kürzlich hat Roderich Fabian im Nachtmix zu meiner großen Freude “Sebastian” von Cockney Rebel gespielt- ohne Zweifel einer der schönsten Popsongs überhaupt. Beim Stöbern auf youtube bin ich auf eine Coverversion der Indieband Absolute gestoßen. Natürlich kommt nichts an das Orginal und vor allem an den genialischen Steve Harley ran, aber das ist schon eine interessante Interpretation und, ähem, ein extrem gutaussehender Sänger- der sich allerdings im Video dermaßen selbstverliebt in Szene setzt, daß es schon wieder lustig ist. Nichtsdestotrotz ein Genuß für Auge und Ohr.

Im Film Velvet Goldmine singt Jonathan Rhys-Meyers (allerdings playback) als David-Bowie-Alter-Ego ebenfalls “Sebastian”- auch sehr schön anzuschaun! Und in einer Nebenrolle: The One And Only Christian Bale…

Aber genug von schönen Männern und zu einem wunderbar eigenwilligen und faszinierend klugen Mann.

 

1 Buch

Letzes Jahr ist Werner Herzog 70 geworden und aus diesem Anlaß ist die erste deutschsprachige Biografie über ihn erschienen, welche zu lesen eine große Bereicherung und ein Vergnügen ist. Zwar fühlt man sich im Vergleich zu Werner Herzog bedeutungslos und vor allem untalentiert- doch anstatt sich mit ihm zu messen, kann man sich ja einfach freuen an seinem grandiosem Schaffen.

Moritz Holfelder hat ein ganz großartiges Buch verfaßt, das sich ausgesprochen locker liest und große Lust macht, sich (wieder) mal Herzogs’ Filme anzusehen und insbesondere sein Buch “Vom Gehen im Eis” (wieder und wieder!)  zu lesen, ein kleines, schlichtes Meisterwerk.

Werner Herzogs’ Persönlichkeit hat mindestens so viele Facetten wie sein umfangreiches Oevre, das von Größenwahn und Absurdität bis zu absoluter Reduktion und Kargheit reicht. Das läßt sich freilich nicht zwischen zwei Buchdeckel pressen- und Moritz Holfelder hat das dankenswerterweise auch nicht versucht.

Bei Werner Herzog denkt man sicherlich zuerst an seine waghalsigen Filme mit dem Psychopathen Klaus Kinski, mit dem ihn eine seltsame Hassliebe verband- doch eindrucksvoller sind andere herzogsche Werke, wie “Herz aus Glas” mit Josef Bierbichler in seiner besten Filmrolle oder “Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner” über den Skiflieger Walter Steiner- einer meiner Lieblingsfilme. Herzog arbeitete mit so grandiosen Schauspielern wie Bruno Ganz oder Christian Bale, in den letzten Jahren realisierte er aber auch “kleine” Dokumentationen, in denen er sich sehr differenziert mit dem in den USA üblichen Vorgang der staatlich legitimierten Tötung von Menschen auseinandersetzt. Alles, was Werner Herzog macht, macht er mit vollem Einsatz seiner physischen und psychischen Kraft und geht dabei an die Grenzen menschlicher Möglichkeiten- beeindruckend, aber auch manchmal erschreckend.

Über Herzogs’ Privatleben erfährt man wenig, er hat das Biografieprojekt ganz bewußt nicht unterstützt, was wohl teils daran liegt, daß er sich sein Mysterium bewahren will, teils daran, daß er von Deutschland sagenwirmal angepißt ist. In seiner Wahlheimat USA füllt er Fußballstadien- bei uns ist er nur einer recht überschaubaren Fangemeinde bekannt. Ein Phänomen, das mir komplett unbegreiflich ist und dem ich hier im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten entgegenwirken möchte.

(Moritz Holfelder: Werner Herzog, LangenMüller, 22,99 / Werner Herzog: Vom Gehen im Eis, Sonderausgabe bei Hanser, 10.- oder Fischer Tb, 8,95)

 

1 Theaterstück

So sehr ich die gepflegte Langeweile schätze (hab ich doch im Resi oder in den Kammerspielen schon viele Stunden aufs Angenehmste vor mich hingedöst)- möchte ich hier mal eine sehr kurzweilige Veranstaltung empfehlen:

“Moses” im Volkstheater. Beschreiben läßt sich dieser Abend allerdings schwer, denn selbst als Zuschauer kann man unmöglich alle Details wahrnehmen. Nur soviel: Die Bücher Mose als Musical umgesetzt- laut, energetisch, actionreich und wesentlich amüsanter als das Orginal; voller aktueller Bezüge, Systemkritik damals wie heute- das geht! Und ist so spannend, daß man eineinhalb Stunden lang gebannt auf seinem Sesselchen hockt. Deshalb: Unbedingt hingehen und ebenso unbedingt das Programmheft erwerben und ein bißchen Walter Benjamin lesen, die Mühe lohnt sich. Lob und Preis sei dieser Aufführung und allen daran Beteiligten!

 

1 Film

“Marina Abramovic. The Artist ist present” Eine Dokumentation über die serbische Performance-Künstlerin mit Fokus auf der gleichnamigen Ausstellung im MoMa.

Man könnte ja denken, daß eine Künstlerin, die so abgefahrene, größtenteils selbstquälerische Performances macht, gleichsam ein unzugänglicher, durchgeknallter Mensch ist. Doch dann begegnet einem in dieser Doku eine empfindsame, neugierige, sehr gescheite und mit ihren 63 Jahren wunderschöne und erotische Frau- eine wahrhaft große Künstlerin. Ein tief berührender Film und ein Glücksfall für alle Zuschauer!

 

Abschließend noch ein paar persönliche Worte. Am 8.Dezember 2012 ist Günther KLATT verstorben, großartiger und zuweilen großkotziger Saxophonist und Maler. Seit es das servabo gibt, hat uns mit ihm eine intensive und schwierige Freundschaft verbunden. Ich bin froh, ihn kennengelernt zu haben, nicht nur weil ich durch ihn eine vage Ahnung von Jazz bekommen habe. Ciao, ragazzo, si sente la tua mancanza!

 

RÜCKBLICK

Oktober

Gerade als Taschenbuch erschienen: “Thomas Willmann: Das finstere Tal”, die beste Neuerscheinung, die mir seit langem in die Finger gekommen ist. (Lieber Herr Willmann, die 6 Jahre Arbeit haben sich gelohnt, aber das wissen Sie ja.) Eine ausgesprochen brutale Rachegeschichte, die in einem atemberaubenden Showdown endet, erzählt in glasklarer, eigenwilliger Sprache. Angesiedelt ist das Ganze in einer des Winters unzugänglichen Hochebene und wie schon im Titel anklingt (Bibelzitat), handelt es sich um eine Geschichte von alttestamentarischer Grausamkeit:  Liebe und Hass, Schuld und Sühne…  Wie ein Film läuft dieses Buch vor dem inneren Auge ab und ist vom Autor, seines Zeichens Filmkritiker, ausdrücklich Sergio Leone und Ludwig Ganghofer zugedacht. Es als “Alpenkrimi” zu bezeichnen und damit einzureihen in die Masse der zurzeit und zu meinem Leidwesen veröffentlichten Regionalkrimis, das käme einer Beleidigung gleich. “Das finstere Tal” ist ein unprätentiöses Meisterwerk und ich beneide jeden, der’s zum ersten Mal liest. Obwohl: es ist auch beim zweitenmal lesen ein schmerzvoller Genuß. (Ullstein TB, zum unglaublich dämlichen Preis von 9,99)

 

Und noch eine Buchempfehlung: “Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau” erzählt vom Journalisten, Schernikau-Gefährten und, klar doch, -Lover Matthias Frings, der herzerfrischend aus dem Nähkästchen plaudert. Die Biografie des Paradiesvogels Schernikau, der sein Leben lang zwischen DDR und BRD mäanderte, ist ein Stück  Zeitgeschichte, naturgemäß, und (sorry, RMS!) wohl noch faszinierender als sein schriftstellerisches Werk- in jedem Fall leichter zu lesen! (Aufbau Tb, 12,90) Gruß und Dank an Gesche Piening (www.geschepiening.de)

 

Es gibt ja sicherlich viele gute Regisseure, aber Lars von Trier ist der beste, jedenfalls in diesem Universum. Sein neuer Film “Melancholia” wandelt sich von Komödie zu Tragödie, ist vielleicht etwas zu ästhetisch geraten, doch andererseits: den Untergang der Welt haben wir ja schon öfter im Kino gesehen, jedoch noch nie so schön! Ein wunderbar langatmiger Film und ein Fest für die Schauspieler, u.a. für Udo Kier (“Es gibt Verehrerinnen, die einen Orgasmus bekommen, wenn ich nur meine Hand auf ihre Schulter lege.”), der hier endlich zeigen kann, daß er im tiefsten Innern ein Komiker ist- ich wusste das immer schon!

 

Ebenfalls ganz großes Kino: “VNVNATION: Nova” (www.youtube.com)- das kann man gar nicht oft genug hören. Ein Dankeschön an Mehmet Scholl- übrigens auch ein Bewunderer von Lars von Trier, wer hätte das gedacht!

 

Bei Trikont sind nun die beiden ersten CDs der Reihe “Stimmen Bayerns” erschienen, auf denen zu hören ist, wie traurig die Liebe und wie lustig der Tod sein kann. Geniale Stückauswahl, informatives Booklet, schön düsteres Cover von Florian Süßmayr- das hätte ich selbst nicht besser machen können! Danke Eva und Achim!

Überhaupt: Trikont- da ist einfach alles gut- das Altbewährte (z.B. Hans Söllner, www.soellnerhans.de, auf dieser Website kann man Stunden verbringen), wie das Neue (z.B. coconami, www.miyaji.info; daß Bayern und Japan seelenverwandt sind, weiß der Haidhauser schon lang- möge es auch der Rest der Welt erfahren!) Also, geneigte Leser, kauft Trikont-CDs zuhauf, am besten bei unsrem sympathischen Nachbarn Wolfgang von hausmunik, Pariser Str. 11!

 

Last not least: Die servabo-Lieblings-CD: “Sarah Lias: Little Box of Music” (In Bloom Records). Wunderschöne Songs mit Ohrwurmpotential. Unbedingt mal anhören auf myspace.com und dann die CD erwerben (beispielsweise im servabo), damit Sarah noch ganz groß rauskommt!

 

November

 

In den vergangenen Wochen hab ich mich durch zwei Romane gequält, die ich eigentlich niemandem ans Herz legen möchte. Trotzdem- oder gerade deshalb- seien sie hier kurz angeführt: “Albert Ostermeier: Schwarze Sonne scheine”: Toller Titel, eindrucksvolles Cover- und doch: ein genialer Lyriker, der besser bei der Lyrik geblieben wäre. Und: “Josef Bierbichler: Mittelreich”- ein genialer Schauspieler, der besser bei der Schauspielerei geblieben wäre.

 

Und noch eine Enttäuschung: Stefan Puchers Inszenierung von Shakespeares “Der Sturm” in den Kammerspielen- eine popig-bunte, konzeptlose, absolut ärgerliche Veranstaltung, die ich nicht erwähnen würde, wenn nicht gegen Ende Peter Brombacher “Watching the Wheels” von John Lennon singen würde. Ein weißhaariger 71jähriger Herr (so alt wäre John Lennon heute) im Nadelstreifenanzug, der einfach nur dasteht und dieses Lied singt. Einer der anrührendsten Momente, die ich je im Theater erlebt habe. Da war ich dann doch froh, daß ich nicht vorzeitig rausgegangen bin. Daraufhin muß man natürlich die alten John-Lennon-CDs hervorsuchen und ich hab mir beim wiederhören von “Mother” gedacht, daß eine Urschrei-Therapie doch auchmal was für mich wäre.

 

Also keine aktuellen Tipps- dafür aber die ultimative Empfehlung für den November, ach Schmarrn, für alle Monate und alle Jahre: Thomas Bernhard lesen! Im Prinzip egal was, denn alles, was Thomas Bernhard je geschrieben hat, ist es wert gelesen zu werden. Der große Zyniker, Einzelgänger und Charmeur ist halt einer der besten Sprachkünstler, die unser schönes Nachbarland Österreich hervorgebracht hat. Es bleibt einem nix, als sich innerlich vor ihm zu verneigen und froh zu sein, ihn nie persönlich kennengelernt zu haben.

 

Noch ein Hinweis für all jene, die sich freuen, wenn im servabo Johnny Cash zu hören ist: Die Neuerscheinung: “John Carter Cash: Mein Vater Johnny Cash” (Knesebeck, 39,95). Interviews, rare Fotos und viele Abbildungen von Dokumenten aus J. Cashs Nachlass, eine Fundgrube! By the way: Auf der “American Recordings IV” findet sich auch Johnny Cashs Interpretation eines John-Lennon-Songs: “In my Life”. Irgendwie kommt mir der Gedanke, daß John Lennon eigentlich Lieder für alte Männer geschrieben hat. “Imagine” wollte Cash nicht singen, da hat ihn die Zeile “Imagine there’s no heaven” gestört. Wollen wir also mal hoffen, daß Johnny Cash im Himmel gelandet ist- doch ich fürchte, da stehn die Chancen schlecht…

 

Januar

 

Wer es aus unerfindlichen Gründen verabsäumt hat, sich die gebundene Ausgabe von Nick Caves’ Geniestreich ” Der Tod des Bunny Munroe” zuzulegen, der kann nun zum Taschenbuch greifen. (Fischer Tb, 9,99- no comment) Nun ist es nicht von der Hand zu weisen, daß dieses Buch hauptsächlich von Sex handelt- sehr dumme Menschen haben es deshalb als pornografisch bezeichnet, das ist natürlich purer Unsinn. Nick Cave erzählt packend und poetisch die Geschichte des Kosmetikvertreters Bunny Munroe, der sich wild durch die Gegend vögelt, seine depressive Gattin in den Selbstmord treibt, seinen kleinen Sohn verwahrlosen läßt und schließlich, wie im Titel angekündigt, stirbt. Ein trister Tod nach einem tristen Leben mit viel tristem Sex. Bunny Munroe ist die erbärmlichste literarische Persönlichkeit, die ich kenne, aber wenn jemand einen Gegenvorschlag hat- ich wäre neugierig… Keine amüsante Lektüre also, doch Amusement gibt es ja nun in unserer demnächst postkapitalistischen Gesellschaft zum Überdruß, dazu braucht niemand einen Tipp von mir. Und wem das Lesen zu anstrengend ist, der möge sich die (leicht gekürzte) Hörbuchfassung zu Gemüte führen (derHörverlag, UVP 24,95)- kongenial interpretiert von Blixa Bargeld, der sich ja kürzlich auch als Autor hervorgetan hat. In “Europa kreuzweise. Eine Litanei” (Residenz Verlag, 16,90) geht es überhaupt nicht um Sex und- obschon ein Tourneebericht- nur am Rande um Musik, sondern in erster Linie ums Essen. Ich war bei Blixa Bargelds’ Lesung im Ampere und kann sagen, daß man ihm seine Leidenschaft durchaus ansieht: sein Maßanzug spannt sich über einem veritablen Bäuchlein… aber das macht nichts und tut seiner schillernden Intelligenz ohnehin keinen Abbruch. Und schließlich schreibe ich hier auf der website eines Restaurants- daher: wem das Lesen zu beschwerlich ist, der möge möglichst gut essen!