Luigi Pintor

Italien verliert einen großen Journalisten

von Carl Wilhelm Macke

 

Der Journalist und Schriftsteller Luigi Pintor, Mitbegründer der Tageszeitung „il manifesto“, ist gestorben. Ein brillianter Geist, den auch seine Feinde achteten.

 

Er hat sich für seine Ideen wirklich geschlagen. Über fünfzig Jahre, ein halbes Jahrhundert lang, hat der Journalist Luigi Pintor geschrieben und geschrieben: Kommentare, Glossen, Essays, Polemiken, Satiren, Nekrologe und Grussadressen. Schweigen war seine Sache nie. Stattdessen: sich einmischen, angreifen, seine im Widerstand gegen den italienischen und deutschen Faschismus gewonnenen Ideale von Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit verteidigen. Und er blieb dem Kommunismus treu, der für ihn aber alles andere war als das, was sich historisch in den stalinistisch geformten Gesellschaften des Ostblocks letztlich durchgesetzt hat. Dass man ihn als einen unabhängigen italienischen Kommunisten bezeichnete, war ihm immer eine Ehre.

 

Böse und glanzvolle Feder

Zwanzig Jahre arbeitete der 1925 in Rom geborene Luigi Pintor als Journalist bei der kommunistischen Tageszeitung „L’Unità“. 1969 gehörte er neben Rossana Rossanda zu den Mitbegründern der im Sturm der Sechzigerjahre gegründeten Tageszeitung „il manifesto“.

Über 25 Jahre lang bezog er auf ihren Seiten pausenlos Stellung zu allen die linke Intelligenz bewegenden Themen. Auch seine Gegner, von denen der Polemiker Pintor unzählige hatte, bescheingten ihm, eine oft böse, aber glanzvolle Feder zu führen. Pintors jahrzehntelange Scharmützel gegen die Führung der Christdemokraten und die korrupte „classe politica“ insgesamt waren Generationen von Lesern wie jüngeren Journalisten Vorbild für scharfe, voller Witz und Ironie geschriebene politische Kommentare. Und bei Diskussionen sah man ihn oft mit der auf der Stirn hochgezogenen Brille. Mit offenem Visier, den Gegner respektierend, aber klar und deutlich Stellung beziehend.

Einen ganz anderen, gelassenen, weniger journalistisch als poetisch schreibenden Luigi Pintor konnte man dann in seinem ersten kleinen Momoirenband „Servabo“ kennen lernen. In diesem kurzen Skizzen hielt Pintor am Ende des Jahrhunderts und im Herbst seines Lebens Rückschau: kein Wort zu viel, keine überflüssige Rhetorik, keine aufgeblähte Selbstdarstellung, nicht einmal eine Prise von jener Polemik, die ihn bei seinen Lesern so beliebt und bei seinen Gegnern so gefürchtet gemacht hat. In einem melancholisch-milden, altersweisen Ton lies er hier sein Leben, seine Träume, seine Ideale, seine gescheiterten Hoffnungen Revue passieren. „Das alte Räderwerk ist auseinandergebrochen“ hiess es an einer Stelle dieser Erinnerungen, „aber noch ist es nicht Zeit für Resignation oder Preisgabe“.

Und auch in dem sehr persönlichen und bewegenden Tagebuch „Der Mispelbaum“ (Wagenbach, 2002) konnte man einen aktuellen politischen Subtext mitlesen. Nach dem Tod seiner Frau hat Luigi Pintor innerhalb einer kurzen Zeitspanne auch seine beiden Kinder durch unheilbare Krankheiten verloren. Pintor, der jahrzehntelang als Kolumnist bei „il manifesto“ keinem polemischen Nahkampf auswich, schrieb hier mit grösster Feinheit und ohne jede Indiskretion von der persönlichen Tragödie seines Lebens.

 

Ein letztes Buch über Abschied

Vielleicht ist das von den letzten Texten Luigi Pintors zu lernen: dass die ernsthafte und im Ton eher stille Konfrontation mit existentiellen Krisen heute eine ganz neue widerständige Dimension gewinnt. Im Lexikon der radikalen Marktideologen, die nicht nur in Italien die Macht über die Seele und die Sinne anstreben, existieren Wörter wie „ Abschied“ oder „Ende“, „Leid“ oder „Tragik“ nicht. Ganz zu schweigen von dem Wort „Servabo“, dem Titel des ersten Teils seiner Memoirentrilogie. Es findet sich im Wappen seiner Familie und bedeutet so viel wie „ Ich werde bewahren, ich werde die Treue halten, ich werde nützlich sein.“

Noch vor wenigen Tagen erschien ein letztes Buch von Pintor: „I luoghi del delitto“ (etwa: „Die Orte des Verbrechens“). Eine einzige literarische Meditation über ein Thema, das ihn nach den vielen politischen wie familiären Verlusten nicht mehr losgelassen hat: über den Abschied, das Ende, den Tod.

 

„Tagesanzeiger“, Zürich, 20.5.2003